Meine Zeit bei der Bundeswehr
Die Anfänge: 1976 bis 1978
Diese Zeit war die wohl prägendste in meinem bisherigen Leben, und mit etwas mehr als 32 Jahren auch der bisher längste Abschnitt. Dafür, dass ich eigentlich nie zum Bund gehen wollte, habe ich es dort lange ausgehalten ;-)
Angefangen hat alles mit einer verlorenen Wette im Herbst 1975. Mit einem Kumpel habe ich so ab und an gewettet, wer am längsten mit dem Rauchen aussetzen kann. Normalerweise war der Einsatz " 'n paar Bier in der Kneipe", aber dieses mal haben wir, wohl leicht umnachtet, um zwei Jahre Bundeswehr gewettet. Wer zuerst wieder raucht, der verpflichtet sich. Irgendwann hat mich dann mein Kumpel mit 'ner Kippe im Mundwinkel erwischt und ich war "dran". Ich bin bis heute überzeugt, dass auch er heimlich gequalmt hat, aber ich konnte es ihm nicht beweisen.......
Zeitgleich endete meine 10-jährige Dienstzeit beim Zivilschutz Köln vorzeitig (ich war wohl zu oft unentschuldigt abwesend). Nach diesem Ende kam postwendend der Musterungsbescheid, alle bekannten Tricks halfen nichts - ich war fast voll tauglich; ausgenommen war die Verwendung als Panzerfahrer, dafür war ich mit 1,83m etwas zu groß. Ich glaube der untersuchende Arzt kannte die Tricks auch.
Als Freiwilliger hatte ich die Möglichkeit meine Verwendung einigermaßen selbst zu wählen. Da bisher alle meine Kumpels zu Heereseinheiten in Norddeutschland eingezogen wurden, und damit bei einem Sold von ca. DM 125,- nicht so recht glücklich wurden, habe ich versucht bei der Luftwaffe im Raum Köln unterzukommen. Dazu gehörten dann Besuche bei den Dienststellen. So war ich z.B. auf dem Flughafen in Nörvenich um mich als Flugzeugelektroniker anwerben zu lassen; oder als Stabsdiener in Köln-Wahn.
Letztendlich bin ich dann den Versprechungen meines Wehrdienstberaters erlegen und habe mich für eine Einheit in Euskirchen entschieden. Leider war ein Verpflichtungszeit von zwei Jahren damals nur für Abiturienten möglich, also unterschrieb ich für vier Jahre.
Mit meiner Berufsausbildung als Fernmelder wurde ich dann als "Eignungsübender" eingestellt und ich durfte ab dem ersten Tag den Dienstgrad OGUA tragen - in "Fachkreisen" nannte man das Ohne Gehirn Und Ahnung.
Am 01. Oktober 1976 war es soweit, von Köln mit dem Zug nach Mönchengladbach, danach im Sammeltransport nach Budel / NL. Man könnte glauben, dass Budel in der Sahara liegt, oder zumindest am Strand - so viel Sand gibt es dort. Und der Sand ist schon sehr hinderlich, wenn man mit vollem Gepäck im Laufschritt da durch "darf". Oder mitten im trockenen Sand ein zwei Meter tiefes Loch graben muss. Aber es waren drei schöne Monate, diese Grundausbildung. Abends um zehn mussten alle im Bett sein, mit 10 Leuten in einer Bude; da lernt man schnell bestimmte Gerüche zu ignorieren. Der Dienst dauerte normalerweise vom Wecken so gegen 06:00 Uhr bis ca. 18:00 Uhr. Danach wurde dann noch geputzt und es ging später noch für maximal eine Stunde "Druckbetankung" in die Kantine. Budel Pils nannte sich das Gebräu, schon bei dem Namen bekam der Kölschtrinker Kopfschmerzen. Hört sich bestimmt gut an, wenn 10 junge Kerle gleichzeitig ihren Rausch ausschnarchen.
Rolf Ziemann hat eine tolle Webseite über Budel erstellt == Link
Morgens um 6 wurde geweckt, dann ging es, angeführt von einem der Ausbilder, in Formation (3 nebeneinander - viele hintereinander) zum Frühstück. Irgendwann fiel dann dem Ausbilder trotz der Dunkelheit auf, dass da nicht drei Leute nebeneinander gingen, sondern dass die mitlere Reihe fehlte. Statt 30 Soldaten, bestand unser Zug an diesem Tag nur aus maximal 18 Soldaten. Darauf hin wurde unserer Stube noch einmal ein Besuch eines Ausbilders gegönnt, und wir hatten das Vergnügen eines "persönlichen Weckens". Die Konsequenz war ein "dienstliches Schlafen unter Aufsicht" am nächsten Wochenende - Heimfahrt gestrichen.
Was mir auch in besonderer Erinnerung geblieben ist - die wöchentlichen Stubendurchgänge. Hier konnten sich die Ausbilder beweisen und uns immer wieder zeigen, wie schlecht wir unsere Ausrüstung und Spinde reinigten.
Wenn ich einen Metallkleiderbügel über eine Metallkleiderstange reibe ergibt sich ein dunkler Abrieb - klar dass man den nicht vorher beseitigen kann. Und in einer Trainingshose aus Wolle findet man immer den einen oder anderen Flusen auf der Innenseite. Als zwei der Ausbilder dann meinen Spind aus einer Reihe von fünf Spinden hervorzogen, leicht nach hinten kippten und dann beim Griff unter den Spind so einen richtig dicken Staubballen hervor zauberten, diesen dann vor mir in die Luft warfen, konnte ich bei der Frage: "Sehen sie mich noch?" nur antworten: "Nein, aber ich erkenne sie am Mundgeruch" ...... Am folgenden Wochenende sparte ich mir das Geld für die Heimfahrt.
Aber einmal, da konnten sie mir nix - alles fein nach Vorschrift: Einer der Jungs hatte die Angewohnheit beim Verlassen der Stube nach der Kontrolle, mit der flachen Hand über die sauberste aller Wandtafeln in ganz Europa zu streichen und zu bemerken, dass genau diese Tafel ganz dringend mit Tafelfarbe zu streichen sei. Also habe ich das auch knappe 5 Minuten vor der nächsten Kontrolle gemacht. Man hatte der Kerl da eine schwarze Hand für die nächste Woche...
Am 18. Dezember 1976 war auch die Grundausbildung überstanden und wir wurden in unsere Stammeinheiten versetzt. Hier erlebte ich dann meinen ersten Schock in meiner noch kurzen Bundeswehrlaufbahn. Gleichzeitig lernte ich, was es bedeutet, bei der Luftwaffe zu sein: Frisch ausgebildet, die militärische Ordnung verinnerlicht, traf ich am späteren Vormittag mit meinem Gepäck bei der Fermeldeweitverkehrskompanie in der Funkkaserne in Euskirchen ein. Eine kleine, schnuckelige Kaserne - sehr überschaubar. Der UvD öffnete mir nach mehrmaligem Klingeln die Tür und schaute mich genau so verdutzt an wie ich ihn. Da stand ein ausgewachsener Stabsunteroffizier (in der Grundausbildung war das eine Stufe mit dem Allmächtigen) in Socken, mit dem Hemd aus der Hose hängend vor mir und meinte nur: "Pack' dein Zeug da in die Ecke und sei am Montag früh um sieben Uhr wieder hier" - ich hatte ihn wohl geweckt und aus einem Traum gerissen. Also ausgepackt und heim......
Montags war dann die Begrüßung durch Chef und Spieß und da konnte man schon erahnen, dass das Leben in der Luftwaffe irgendwie nicht so ganz dem militärischen Ideal entsprach. Mich hat die erste Woche schwer beeindruckt.
In der zweiten Januar Woche musste ich zum Spieß und bekam gesagt, dass ich doch schon seit einer Woche in Appen sein solle, zum Sprachlehrgang; was ich denn noch in Euskirchen machen würde - hääää ??? Luftwaffe, sagte ich schon, oder....
Also wieder mal Gepäck gepackt, ab zum Bahnhof und ab nach Appen. Alles was ich hatte, waren eine Fahrkarte und einen Marschbefehl. Eine Kommandierung sollte nachgereicht werden. Sie kam auch, aber 4 Monate später. Und den guten Tip, mich zur 1.Inspektion zu melden, dort sei das Leben einfacher. Gesagt - getan; irgendwann in der Nacht traf ich in Appen ein; gefragt in welche Inspektion ich kommandiert wäre, meinte ich nur "....in die 1." Dort erwartete man zwar niemanden mehr, aber es fand sich ein Bett in einem 2 Mann Zimmer und so kam ich zur 1.Inspektion. Mein Zimmer Nachbar leitete die Inspektionsbar und fragte mich sofort, ob ich Lust und Laune hätte da im Team mitzumachen. Denn wer da mitmacht, der braucht keinen UvD und keine Wache schieben. Welche Frage, ich war sofort dabei. Tags drauf dann Vorstellung beim Spieß, der zwar wusste, dass ich eigentlich zur 2.Inspektion kommandiert war, aber da ich mich spontan für die Inspektionsbar gemeldet hatte, und wohl auch weil da ein stärkerer Konkurenzkampf zwischen den Inspektionen herrschte, durfte ich in der 1. bleiben.
Insgesamt dauerte mein Sprachlehrgang bis August und ich machte mehr als drei Kreuze, als ich wieder heim nach Euskirchen durfte. Die ständige Wochenend Fahrten nervten schon gewaltig, auch wenn ich mir im März in Hamburg mein erstes Motorrad, eine Moto Guzzi 850 T3 California, kaufte. Ein geiles Teil, aber viel zu schade um am Wochenende auf der Autobahn verheizt zu werden.
Zurück in Euskirchen bekam ich vom Spieß die "erfreuliche" Nachricht, dass man einen UL (Unteroffizierslehrgang) Platz für mich gefunden hätte - in Appen.... Shit happens - dann noch einmal für 3 Monate dorthin. Kein schlechter Lehrgang, viel Theorie und der übliche militärische Formaldrill. Nur einmal haben uns die Ausbilder schwer gelinkt: Am 31. Oktober haben wir uns so richtig die "Kante gegeben", Allohol bis zum Abwinken - am nächsten Tag, dem 01.November war ja Feiertag - aber nicht in Appen. Irgendwann, so gegen 3 Uhr, in der Nacht schepperte es auf dem Flur und unsere Herren Ausbilder jagten uns aus dem Bett. Anziehen, Ausrüstung verpacken, und ab ins Gelände - gut dass wir nur Übungsmunition hatten.........
Zum 2. Januar 1978 wurde ich auf die NATO Richtfunkstelle in Simmerath-Lammersdorf versetzt (ein ganz wilder Haufen), und im Februar stand schon der nächste Lehrgang an: ELO Grundlagen in Lagerlechfeld. Ein toller Lehrgang, besonders wenn man bedenkt, dass die Prüfungsaufgaben gegen einen kleinen Obulus von Lehrgang zu Lehrgang weiter gegeben wurden. So entfiel die anstrengende Lernerei, mehr Zeit für Party war angesagt. In den lauen Sommerabenden wurde der Fernseher auf das Fensterbrett gestellt, Bild nach außen, und geinsam Fußball geguckt. An einem dieser Donnerstagsfeiertage, es war schon sehr sonnig und warm, wollte ich mit meiner Guzzi einen Ausflug machen. Die Benzinwarnleuchte war schon länger aktiv, aber optimistisch wie ich war, dachte ich noch bis zur nächsten Tanke in Königsbrunn zu kommen. Kurz hinter dem Kasernentor wollte die Guzzi aber nicht mehr. Also schob ich die 264 KG knappe 5 Km bis zur Tanke....
Nach 5 Monaten ging es zurück nach Lammersdorf und im August dann wieder zum 2. ELO Teil nach Lagerlechfeld. Der Lehrgang war nicht mehr so toll wie die Grundlagen, der Spieß dieser Inspektion hatte ein Problem was die Haarlänge seiner Soldaten betraf. Er trug 3 mm Länge und seine Soldaten hatten natürlich seinem "Vorbid" zu folgen. Alles was länger war konnte oder wollte er nicht akzeptieren - ab zum Friseur. So kurze Haare hatte ich danach nie wieder. Aber auch diese 3 Monate gingen vorbei und ich zurück in die Eifel.
